08.12.2019

Weihnachten ist keine Jahreszeit. Es ist ein Gefühl. (Edna Ferber)

Es fällt noch kein Schnee und es ist ungemütlich draußen?

 

Genau die richtige Zeit, sich eine Auszeit mit einer heißen Schokolade oder einem Tee zu gönnen und den Kindern eine Geschichte zu erzählen. Wie wäre es mit dieser?

Die Geschichte vom Tannenbäumchen (Luise Büchner)

„Tante Luise“, sagte am andern Abend Mathildchen, „was erzählst du uns denn heute für eine Geschichte? Weißt du denn noch etwas?“
„Ja freilich weiß ich noch etwas, hört mir nur zu!“ „Ach, Tante“, sagte das Mathildchen wieder, „es dauert doch gar zu lange, bis das Christkind kommt, ich kann es kaum mehr aushalten und werde ganz ungeduldig.“

 

„Ungeduldig!? Das musst du dir vergehen lassen. Höre nur, wie geduldig das Tannenbäumchen war und wie es stille wartete, bis seine Zeit kam. Denn die Geschichte, die ich heute erzähle, kommt in unserem Garten vor!“ Die Kinder stützten ihre kleinen runden Ellenbogen auf der Tante Knie und sie begann:

 

„Es war einmal ein schöner, großer Garten, in dem standen eine Menge Bäume, welche alle die herrlichsten Früchte trugen. Auf dem einen wuchsen Kirschen, auf dem andern Birnen, auf dem dritten Äpfel und so fort, aber bei allen gab es etwas zu naschen vom Frühjahr bis zum Herbst. Und die Kinder, die in dem Garten wohnten, hatten die Bäume sehr lieb. Nun war es wieder Frühling und der Garten stand da in seinem schönsten Schmucke. Die Kirschbäume waren anzusehen, als wären sie mit Zucker bestreut, die Pfirsische hatten rosenrote Blüten wie der Abendhimmel und die Apfelbäume waren mit weißen Röslein ganz überschüttet.

 

Da war kein Strauch und kein Bäumchen, wenn auch noch so klein, welches nicht eine Blütenflocke oder ein lichtes saftgrünes Blättchen auszuweisen hatte; und wenn dann die liebe Sonne so drüberhinschien, war der Garten gar lieblich anzusehen. Aber mitten drinnen in all der Pracht stand ein kleiner Baum, für den schien kein Frühling gekommen zu sein, denn starr und dunkelgrün streckten seine Nadeln sich hinaus und auch nicht die kleinste weiße oder rote Blüte war daran zu sehen. Das Bäumlein aber war trotz seiner Armut ganz zufrieden und beklagte sich nicht. Und kam manchmal im Vorüberfliegen ein Vöglein seinem Wipfel nahe und ruhte sich darauf aus, so freute es sich wie die andern Bäume an dessen Gezwitscher und dachte nicht daran, wie unscheinbar es neben ihnen aussah.

 

Aber das ärgerte die schön geputzten Bäume und ein hochmütiger Kirschbaum fing auf einmal an und sprach: „Es ist doch ein rechtes Glück, wenn man hübsch aussieht und auch zu etwas gut ist in der Welt! Was habe ich jetzt für feine, weiße Blüten und wenn diese abgefallen sind, dann kommen die frischen grünen Blätter und zuletzt die prächtigen roten Kirschen, an denen die kleinen und großen Leute ihr Vergnügen haben. Ach, wie froh ich bin, dass ich nicht so ein einfältiger Tannenbaum geworden bin wie derjenige hier neben mir, der doch zu nichts auf der Welt gut ist, als um uns den Platz zu versperren!“

 

„Du hast recht“, rief ein stattlicher Birnbaum, „dein Nachbar ist mehr als überflüssig im Vergleich mit uns. Von meinen saftigen Birnen will ich noch gar nicht reden, aber welch prächtigen Schatten gebe ich in der Hitze den lieben Kindern, die sich auf der Bank unter meinem Blätterdache ausruhen. Nicht einmal vor der Sonne vermag der einfältige Tannenbaum zu schützen.“ „Ja, ja“, fing nun ein dicker Apfelbaum an, „mit uns kann sich der arme Tropf freilich nicht messen. Was mich aber am meisten verdrießt, ist, dass man die langen Zapfen, welche der Herbstwind von ihm herunterschüttelt und die weder für Mensch noch Tier genießbar sind, Tannäpfel nennt, als ob sie auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit meinen schmackhaften Früchten hätten; es ist wirklich zu arg!“ Dabei schüttelte der alte Herr sein Haupt so gewaltig, dass dicke Blütenflocken zur Erde fielen und einzelne an den Nadeln des armen Tannenbäumchens hängen blieben. „Seht, wie er sich jetzt auch noch mit fremden Federn schmückt!“, schrie ein naseweiser junger Pflaumenbaum, „der Unverschämte, er glaubt, weil er spitze Nadeln habe, dürfte er uns allen trotzen!“

 

Und nun fingen alle Bäume zugleich an, auf die arme Tanne zu schelten und lobten dabei unaufhörlich ihre eigenen Früchte sowie den Nutzen, den diese brächten. Selbst die Johannis- und Stachelbeerbüsche blieben nicht still und niemand wollte dem bescheidenen Tannenbäumchen das mindeste Gut zuerkennen. Drüben über dem Bach war ein Wald voll schöner Buchen und Eichen; auch diese fingen an, mitzuspotten und sich hervorzutun. Eine dicke Buche überschrie zuletzt alle und rief: „Wenn wir auch keine so süßen Früchte tragen wie der liebe Kirschbaum und der vortreffliche Apfelbaum, so sind wir doch gleichfalls von dem allergrößten Nutzen. Im Sommer geben wir kühlen, prächtigen Schatten und im Winter heizen wir die Zimmer ein, wenn es draußen stürmt und schneit, denn wir haben gutes, festes Holz; aber selbst das Holz der hässlichen Tanne ist elendes Zeug, macht schwarz und rußig und gibt keine Wärme. Nebenbei sind unsere kleinen Früchte auch gar nicht zu verachten; die Bucheln glänzen zwar nicht durch äußere Schönheit, aber man presst gutes, fettes Öl daraus, in dem man Pfannenkuchen und Kräppeln backen kann, die sehr gut zu den gekochten Kirschen und Pflaumen schmecken!“

 

„Nun, bist du bald fertig?“, fing eine Eiche neben ihr an, „du tust, als ob du der erste Baum im Wald wärest. Mich lasse reden. Ich bin die deutsche Eiche und ein poetischer Baum. Wo es irgendein Fest gibt, macht man aus meinen Blättern Kränze, ich komme in Millionen Gedichten vor und mein Laub ist überall Vorbild für Stickereien in Gold, Seide und Perlen. Was nun den Nutzen betrifft, so ist der meinige ohne Widerrede der bedeutendste. Mit meinen Eicheln mästet man Schweine und es gibt verständige Leute genug, die lieber ein gutes Stück Schweinebraten essen als Kirschen und Birnen und wie all das süße, kraftlose Zeug heißt, mit dem ihr so gewaltig großtut!“ Nachdem die Eiche dies gesprochen hatte, fächelte sie sich mit ihren Zweigen, hob stolz den Wipfel empor und sah sich um, als wolle sie fragen: „Wagt es noch jemand, etwas zu sagen?“ Wahrhaftig, die deutsche Eiche hatte mehr Mut als gewöhnlich ein deutscher Mensch.

 

Die anderen Bäume blieben auch ganz still und keiner muckste, bis endlich eine schlanke, grüne Linde sich zu regen begann und leise säuselte: „Ei, ei, ihr lieben Freunde! Am Ende bin ich doch noch die wichtigste von euch allen, wenn meine Blüte auch sehr klein und unscheinbar und fast nur durch ihren süßen Duft bemerkbar ist. Aber man bereitet guten heilenden Tee daraus und haben die kleinen Leute zu viel von dem guten Obst gegessen und davon Leibschneiden bekommen und sind die großen zu lange unter den Buchen und Eichen herumgeschwärmt, sodass sie sich den Schnupfen geholt, dann muss sie dieser Trank gesund machen, damit sie wieder von vorn anfangen können.“ Als die kluge Linde schwieg, nickten die anderen Bäume und lachten, denn sie waren der schönen Linde alle gut, nur die Eiche brummte etwas in sich hinein von „dumm und albern“; aber sonst blieb alles ruhig.

 

Das arme Tannenbäumchen hatte die ganze Zeit über zitternd und schweigend dagestanden, doch nun suchte es die allgemeine Stille zu benutzen, um auch ein Wörtchen zu seiner Verteidigung zu sagen. Ganz leise und schüchtern fing es an: „Ach, ihr lieben Bäume, ich weiß wohl, dass ihr mich als den schlechtesten von euch allen betrachtet, aber so ganz nutzlos und überflüssig bin ich doch auch nicht, wenn ich auch weniger geschmückt bin als ihr. Aus meinem Holze kann man Häuser und Schiffe bauen und mit den Tannenzapfen machen die Leute ihr Feuer an, auch – „Ha, ha, ha!“, schallte es da aus allen Ecken und Enden, „Ha, ha, ha!, hört doch das dumme Ding; wenn es nur lieber ganz geschwiegen hätte! Mit Hobelspänen kann man auch Feuer anmachen, als ob das ein Verdienst wäre. Ha, ha, ha!“ Und die Bäume bogen und neigten sich und wollten sich halt totlachen und der dicke Apfelbaum verlor noch manche weiße Blüte in seiner großen Lustigkeit.

 

Endlich ging die Sonne unter; die Vöglein suchten ihr grünes Quartier auf und wollten ihre Ruhe haben: so wurden die Schwätzer denn stiller und stiller und als der silberne Mond langsam heraufstieg, lag alles im tiefsten Schweigen. Nur ein Baum konnte nicht ruhen und schlafen, das war das Tannenbäumchen. Es war so betrübt, dass es gern bittere Tränen vergossen hätte, wenn es ein Mensch und kein Baum gewesen wäre. Ach, es konnte sich gar nicht zufriedengeben und wünschte sich auch weiche, flatternde Blätter und süße Früchte, damit es von niemand mehr verspottet werden dürfe. Wie es nun so dastand in seiner Betrübnis, ward es auf einmal vor ihm ganz helle und licht und wie aus der Erde gewachsen schwebte über dem grünen Rasen ein wunderschöner Engel. Er hatte ein langes, schneeweißes Gewand, weiße Flügel an den Schultern, auf dem Kopfe trug er einen Kranz von den schönsten Rosen und darüber hing ein langer Schleier, der glänzte wie gesponnenes Silber.

 

Na, könnt ihr euch wohl denken, wer der schöne Engel gewesen ist? Natürlich war es niemand sonst als unser liebes Christkind, welches alles mitangehört und angesehen – wie es auch immer sieht, ob ein Kind lieb oder unartig ist. Das arme, bescheidene Tannenbäumchen tat ihm in tiefster Seele leid und darum kam es jetzt zu ihm geflogen und sagte mit seiner süßen Stimme: „Tannenbäumchen, was fehlt dir denn?“ Aber das Bäumchen konnte nicht antworten, es war zu betrübt und erschreckt von dem hellen Glanz und Christkindchens Anblick; es schüttelte nur leise den Wipfel, da fuhr Christkindchen fort: „Tannenbäumchen, ich weiß es recht gut, was dir fehlt; die bösen Bäume hier haben dich ausgelacht, weil du nicht so schön bist wie sie. Aber warte nur, bald sollst du schöner sein als sie alle. Wenn der Winter kommt und Schnee und Eis auf der Erde liegen und all die Bäume hier kahl und entlaubt stehen, dann sollst du süßere und buntere Früchte tragen als Kirschen, Birnen und Äpfel. Und die Kinder werden sich mehr über dich freuen und dich lieber haben als alle anderen Bäume auf der Welt!“ Nachdem das Christkind dies gesagt war es gerade so schnell wieder verschwunden, als es gekommen und nur der liebe, alte Mond warf noch silberne Strahlen auf die stille Welt.

 

So vergingen Sommer und Herbst, die Bäume hatten nach und nach alle ihre Früchte hergegeben und der Winter kam mit raschen Schritten heran. Wohl hatten sie noch manchmal das Tannenbäumchen ausgespottet, aber es machte sich nichts mehr daraus und dachte immer nur an das, was Christkindlein ihm versprochen hatte. Bald war an dem Apfel- und Birnbaum kein Blättchen mehr zu sehen, die Eichen und Buchen streckten ihre nackten Arme zum Himmel empor und froren erbärmlich, aber es half nichts – es war eben Winter und sie mussten sich von dem kalten Nordwind nach allen Seiten hin und her zausen lassen. Unser Tannenbäumchen hielt sich wacker, es blieb so grün und frisch wie im Sommer und wartete in Geduld, bis seine Zeit käme.

 

Auf einmal, in einer langen dunklen Nacht, da ward es wieder ganz hell und licht und der schöne Engel stand wieder neben dem Bäumchen und sagte: „Ich bin da, um mein Wort zu halten. Nun sollst du einmal sehen!“ Neben dem Christkind im Schatten stand Nikolaus, hielt seinen großen Sack mit beiden Händen auseinander und Chriskind griff wieder und wieder hinein und überschüttete das Bäumchen mit goldenen Nüssen und Äpfeln, mit köstlichem Zuckerwerk, mit Rosinen und Mandeln, mit funkelnden Perlen und silbernen Sternen, sodass es schöner und bunter glänzte und prangte als je ein Baum zuvor. Dann steckte der Nikolaus brennende Kerzchen an die Zweige der Tanne, da leuchtete sie fast so helle wie die Sternlein an dem dunklen Nachthimmel über ihr. Wie nun alles fertig war, klingelte Christkind laut und lange mit seiner silbernen Schelle, dass alle Bäume und Sträucher ringsumher aufwachten, sich verwundet umsahen und nicht wussten, woher auf einmal all der Glanz und die Pracht kam. „Seht hierher, ihr Necker und Spötter!“, rief nun Christkind mit lauter Stimme, „der herrlich geschmückte Baum vor euch, das ist das Tannenbäumchen, welches ihr ausgespottet und gekränkt habt und das nun schöner ist, als je einer von euch gewesen. Jetzt nehme ich es mit mir, wohin ihr niemals kommt, in warme, geschmückte, helle Stuben und zu fröhlichen Menschen. Alt und Jung werden sich an seinem Anblick erfreuen und die Kinder werden es am liebsten von allen Bäumen haben!“

 

Damit nahm das Christkind das Bäumchen in die Hand, breitete seine Flügel aus und fort war es, ehe sich die erstaunten Bäume ein wenig von ihrer Verwunderung erholen konnten. Ganz verdutzt blickten sie dem hellen Streifen nach, bis er im Dunkel entschwand und nickten dann verdrossen und kopfschüttelnd wieder ein. Wohin aber Christkind das Tannenbäumchen trug, das brauche ich euch nicht zu sagen, das wissen alle artigen Kinder, die zu Weihnachten eins bekommen. Nun esset ihr zwar sehr gerne frische Kirschen und süße Birnen, gebratene Äpfel und Pflaumenmus; wenn ich euch aber jetzt frage, welcher Baum ist euch der liebste von allen, was werdet ihr sagen?“
Da riefen Georg und Mathildchen jubelnd und wie aus einem Munde und alle Kinder rufen es mit ihnen: „Das Tannenbäumchen! Das Tannenbäumchen!“
Auf einmal, in einer langen dunklen Nacht, da ward es wieder ganz hell und licht und der schöne Engel stand wieder neben dem Bäumchen und sagte: „Ich bin da, um mein Wort zu halten. Nun sollst du einmal sehen!“ Neben dem Christkind im Schatten stand Nikolaus, hielt seinen großen Sack mit beiden Händen auseinander und Chriskind griff wieder und wieder hinein und überschüttete das Bäumchen mit goldenen Nüssen und Äpfeln, mit köstlichem Zuckerwerk, mit Rosinen und Mandeln, mit funkelnden Perlen und silbernen Sternen, sodass es schöner und bunter glänzte und prangte als je ein Baum zuvor. Dann steckte der Nikolaus brennende Kerzchen an die Zweige der Tanne, da leuchtete sie fast so helle wie die Sternlein an dem dunklen Nachthimmel über ihr. Wie nun alles fertig war, klingelte Christkind laut und lange mit seiner silbernen Schelle, dass alle Bäume und Sträucher ringsumher aufwachten, sich verwundet umsahen und nicht wussten, woher auf einmal all der Glanz und die Pracht kam. „Seht hierher, ihr Necker und Spötter!“, rief nun Christkind mit lauter Stimme, „der herrlich geschmückte Baum vor euch, das ist das Tannenbäumchen, welches ihr ausgespottet und gekränkt habt und das nun schöner ist, als je einer von euch gewesen. Jetzt nehme ich es mit mir, wohin ihr niemals kommt, in warme, geschmückte, helle Stuben und zu fröhlichen Menschen. Alt und Jung werden sich an seinem Anblick erfreuen und die Kinder werden es am liebsten von allen Bäumen haben!“
Damit nahm das Christkind das Bäumchen in die Hand, breitete seine Flügel aus und fort war es, ehe sich die erstaunten Bäume ein wenig von ihrer Verwunderung erholen konnten. Ganz verdutzt blickten sie dem hellen Streifen nach, bis er im Dunkel entschwand und nickten dann verdrossen und kopfschüttelnd wieder ein. Wohin aber Christkind das Tannenbäumchen trug, das brauche ich euch nicht zu sagen, das wissen alle artigen Kinder, die zu Weihnachten eins bekommen. Nun esset ihr zwar sehr gerne frische Kirschen und süße Birnen, gebratene Äpfel und Pflaumenmus; wenn ich euch aber jetzt frage, welcher Baum ist euch der liebste von allen, was werdet ihr sagen?“
Da riefen Georg und Mathildchen jubelnd und wie aus einem Munde und alle Kinder rufen es mit ihnen: „Das Tannenbäumchen! Das Tannenbäumchen!“

Quellen: Winter Wunder Weihnachtstraum

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